Italien, ein Stiefel, der bis über die Hälfte im Dreck steckt.

Von der sterbenden Stadt, durch die Toskana, an den schiefen Turm von Pisa.

Gegen Mittag laufe ich durch das Städtchen Bagnoregio, wo wir vorab auf einem großen Parkplatz neben einer Bushaltestelle geparkt haben. Wer möchte, kann sich hier ein Ticket im Shuttlebus sichern. Und wer lieber zu Fuß geht, so wie ich, spaziert an hübschen alten Häuserfronten vorbei, in Richtung Dorfplatz, wo mittig ein Brunnen auf mich wartet und daraufhin an zwei Kirchen vorbei. Ich gehe weiter und erreiche nach etwa 1,5 Kilometer ein Schild mit „Scale per Civita“ und weiß, dass ich richtig sein muss. Die Stufen werden mich an mein Ziel führen. Auf der linken Seite ist eine Reihe Souvenir-Shops, es verschwinden einige Touristen darin, um ein Andenken- oder einen Kaffee im Pappbecher zu ergattern. Ich entdecke eine kleine Aussichtsplattform und überblicke das weite Land. In Mitten der flachen Einöde ragt auf einem Hügel ein Fels empor, der nur durch eine einzige Brücke zu erreichen ist. Die langgezogene und stelzenartige Brücke sieht wirklich spektakulär aus.

Civita di Bagnoregio

Dann wende ich mich wieder ab und begebe mich die unzähligen Treppenstufen nach unten und weiter zum Ticketverkauf. Wer keine Treppenstufen mag, der kann auf einem separaten Weg entlang laufen. Der Mann beim Ticketverkauf reicht mir meine Eintrittskarte und fertigt weitere wartende Gäste ab. Bevor ich an der Reihe war, wollte sich ein älterer Reiseleiter vordrängeln, doch ich machte ihm klar, dass er seinen Hintern schnell wieder zurück befördern sollte. Ich schlüpfe an der Gruppe vorbei, zeige dem Kontrolleur meine Karte, der sichtlich erfreut- und aufgeweckt wirkt, als er mich unter all den schlitzäugigen Touristenmassen erblickte und winkt mich durch. (An dieser Stelle muss ich erwähnen, dass unser Besuch im Corona befallenen Italien schon einige Zeit zurückliegt und wir schon längst wieder aus Italien raus sind.)

Über die Brücke nach Civita

Dann liegt sie vor mir, die wahnsinnig lange- und steile Brücke nach Civita di Bagnoregio, die Brücke zur sterbenden Stadt. Blau leuchtet der Himmel, als ich auf die andere Seite springe, und sich viele verschiedene Sandsteinfarben an mein Auge drängen. Es wird gemunkelt, dass die Stadt, die heute auf dem Tuffhügel steht, beinahe identisch sein könnte mit der, die bereit aus dem fünften Jahrhundert vor Christi Geburt stammte, so ein Forscher. Das gesamte Anliegen gehört zu den sogenannten sterbenden Städten, die immer weniger von Menschen bewohnt werden, da sie sehr schlecht zu erreichen sind und auch schnell mal von Erdrutschen heimgesucht werden können. Doch durch die vielen Renovierungsarbeiten und Instandsetzungen nimmt die Zahl wieder zu. Vor allem Künstler und Aussteiger zieht es an diesen verrückten Ort.

Pflanzenschmuck vor dem Haus

Ein prächtiges Bauwerk erstreckt sich über den ganzen Hügel. Der gepflasterte Weg endet in einem steinernen Durchgang, doch bevor ich das Sträßchen hinauf steige, entdecke ich ein großes Eisentor, mit je einem Ton-Löwen an der Seite, hinter dessen hohen Mauern sich vermutlich ein etwas abgelegenes Grundstück verbirgt. Dann erreiche ich den großen Kirchplatz, umgeben von unzähligen kleinen Bars und Restaurants, deren Bestuhlung auf dem sehr begrenzten Platz davor aufgebaut sind. Souvenir-Shops und egoistische Touris so weit das Auge reicht. Eine ältere Frau, deren Äußeres auf eine fernöstliche Abstammung schließen lässt, bleibt mir noch länger in Erinnerung. Sie schaut mir freundlich ins Gesicht, begegnet meinem Blick, lächelt mich an und sagt mir in ihrem lustigen asiatischen Dialekt „Buongiorno“. Ich muss lächeln und erwidere ihren Gruß. Wie goldig das doch war ☺️

Auf dem Weg zur sterbenden Stadt

Anschließend streife ich noch ein wenig durch die Gegend, begutachte die kleinen Gassen und die verwinkelten Zufluchtsorte des sterbenden italienischen Dorfes. Einige Blicke zur Seite in die Ferne eines Wohnbereichs oder in einen Gang zu einem kleinen Haus, lässt mich erkennen, dass nicht jeder Besucher den Begriff „Privat“ respektiert. Naja, viele denken im ersten Moment sicher nicht an die hier lebenden Menschen. Das wäre wirklich nichts für mich. Den lieben langen Tag neugierige Leute in meinem Garten und auf meinem Grundstück zu haben, die sich oftmals nicht zu benehmen wissen, und keinen ruhigen erholsamen Moment mehr – nein, dass wäre ganz sich nicht meine erste Wahl. Dann dringe ich wieder durch die Menschenmengen und spaziere zurück, über die großartige Brücke zum Parkplatz, wo Tommy und Sunny geduldig auf mich warten, immer mal wieder zurück blickend auf den Tuffhügel.

Der Blick in eine Gasse

Wir packen unsere sieben Sachen zusammen und fahren die kommenden Stunden über die Grenze zur Toskana. Die Aussicht von einem kleinen Parkplatz oberhalb der Hügel, zeigt uns die Schönheit dieser Region. Auf dem Weg hatte sich einiges verändert. Der Müll wurde weniger, es gibt Fabriken und Firmen und alles wirkt irgendwie gepflegter. Nur das Wetter spielt uns einen Streich und will uns das etwas nettere Italien nicht vergönnen. Sofort fallen uns die, für die Toskana typischen hohen Zypressen und Pinien auf, die sich allzuoft als kleine Alleen zusammen geschlossen haben. Ab und zu blitzt uns ein großes prunkvolles Anwesen auf einem entfernten Hügel entgegen und lässt uns über sehr lohnenswerte Mafiageschäfte nachdenken und spekulieren. Die toskanische Landschaft, wie wir sie uns durch die vielen Fotos und Reportagen über Italien vorgestellt hatten, zeigt sich im Großen und Ganzen, als eher kleineres Puzzelteil des Gesamtbildes.

Toskana

Die kommende Nacht verbringen wir in Castiglione d’Orcia, einem überschaubaren, aber recht hübschen Ort. Ein kleiner Rundweg zu einer Burg mit toller Aussicht, und durch das Dorf zurück den Berg hinauf, zeigt eine schnuckelig anmutende Umgebung, die sich hinter den Hügeln und Wiesen erstreckt.

Stellplatz in Castiglione d‘Orcia

Am Morgen bemerken wir, dass sich unsere Wasservorräte im Wohnmobil dem Ende zu neigen und sich der Platz der vergangenen Nacht nicht als geeignete Nachfüllstation erweist. Das Abwassersystem und der Wasserhahn sind scheinbar noch aus römischen Zeiten und wahrlich heruntergekommen. Hier lehnen wir dankend ab, wer weiß, was wir uns da als „Mitbringsel“ einfangen- und in unser „Haus“ bringen würden.

Spaziergang in Castiglione d’Orcia

Etwa 100 Kilometer weiter- und 100 Kilometer vor Pisa, können wir endlich Abhilfe schaffen. Wir stellen uns in Pomarance auf einen gepflegten Wohnmobilstellplatz, frischen Wasser auf, reinigen- und entleeren die Toilette und verbringen dort einen sehr regenreichen Tag. Um auf den Platz zu gelangen, muss man eine Karte aus dem Automaten ziehen und gleich bezahlen, so Tommy.

Pomarance

Noch am selben Abend beschließen wir, am folgenden Tag nach Pisa, an den schiefen Turm zu reisen. Tommy hatte den Turm bereits vor einigen Jahren mit dem Motorrad besucht, doch ich hatte noch nicht das Glück und bin wirklich gespannt auf dieses krumme Prachtstück. Ich wollte herausfinden, ob dies nicht nur wieder die italienische Art ist, etwas Missglücktes auf pompöse Weise zur Schau zustellen, wie sie es sonst so gerne tun.

Am Mittag des nächsten Tages, frisch geduscht und ausgeruht, fahren wir an die Schranke vor dem Stellplatz, stecken die Karte in den dafür vorgesehenen Schlitz und warten bis sich die Schranke in Bewegung setzt, doch sie tut es nicht. Wir schauen uns fragend an, und versuchen erneut unser Glück, aber nichts passiert. Tommy läuft zum Automaten, drückt verschiedene Knöpfe und kehrt zum Wohnmobil zurück. Noch immer regt sich die rot-weiß gefärbte Stange kein Stück. Mist! Dann steige ich aus dem Fahrerhaus, gehe durch den Regen zum Kartenautomaten und versuche, die voreingestellte Sprache in deutsch umzustellen, was allerdings nicht geht. Typisch italienisch eben. Ich tippe auf unterschiedliche Knöpfe, doch nichts geschieht. Vergeblich versuche ich das Gerät zu überreden, mir eine Auskunft zu geben, ich schimpfe „Stronzo“, aber das scheint es nicht zu interessieren. Plötzlich schiebt es eine neue Karte aus seiner Öffnung, ich bin sichtlich verwirrt. Ich reiche Tommy schulterzuckend und lachend die zwei Karten. Mittlerweile vermute ich, dass wir erst beim Herausfahren bezahlen hätten müssen, doch zweimal zahlen, dass geht garnicht. Die Schranke zeigt sich stur. Auch an der erweiterten Auswahl an Tickets erfreut sie sich nicht die Bohne. Tommy schickt mich noch ein letztes Mal an den Automaten, ich lege die Karten oben drauf, während Tommy einfach links an der Schranke vorbei fährt. Ich schwinge mich auf meinen Sitz, schnalle mich an und grinse fröhlich. In Italien erlebt man wirklich die kuriosesten Dinge.

Pizza-Schild in Civita di Bagnoregio

In Pisa suchen wir uns einen Parkplatz mit Security und richten es uns gemütlich ein. Als Sunny pieseln muss stelle ich fest, dass der schiefe Turm nicht sehr weit sein kann. Ich sehe ihn, zwar hinter den Mauern des Platzes, aber ich sehe ihn. Ich erkläre Tommy, dass ich da jetzt noch hin muss. Und noch ist der Platz für Besucher geöffnet. Es ist schon relativ dunkel, doch bei Nacht ist er sicherlich auch schön anzuschauen. Ich packe ein Messer in die Tasche, man weiß ja nie ☺️, ziehe mir eine Jacke über und mache mich auf den Weg. Nach nicht mal zehn Minuten stehe ich vor dem Eingang. Außer mir, hat es hier noch ein paar Menschen her verschlagen, doch der Trubel verläuft sich. Vor mir ragt der schiefe Turm von Pisa schräg in den Himmel. Ich bleibe wie angewurzelt stehen und staune. Irgendwie habe ich ihn mir größer vorgestellt, aber irgendwie ist er auch ziemlich groß. Ich weiß ja auch nicht ☺️. Rings um den marmornen Turm liegt eine weite grüne Anlage, die über einen breiten Fußweg zu erreichen ist.

Schiefer Turm am Abend

Die Lichter der Gebäude leuchten fröhlich in die Dunkelheit. Ich laufe auf den Domplatz und rechts weiter an „Angelo“, einer Engelsskulptur, die ich in dieser Art bereits in Agrigento auf Sizilien gesehen hatte, vorbei, begutachte die alten Bauten und kehre zum Glockenturm zurück. Einst wurde der schiefe Turm als freistehender Glockenturm für den Dom geplant, doch heute ist er das Wahrzeichen- und das Besuchermagnet selbst.

Schiefer Turm von Pisa

Der Turm misst 57 Meter und ist durch vorherige Buchung, und strenge Kontrollen vor Ort, zu besichtigen. Durch sein Inneres gelangt man auf eine Aussichtsplattform, die sich einmal um den gesamten Turm zieht. Schon im Jahre 1173 wurde mit dem Bau des Glockenturms begonnen und erst 1372, nach 100 jährigem Baustopp, zu Ende gebracht. Die stärke des Fundamentes betrug nur drei Meter, kein Wunder, dass der Turm sich jährlich mehr und mehr zur Seite senkte. 1995 dann der Rekord: ganze 5,4 Meter! Das Erdreich ist viel zu instabil, der Boden bestand zu Bauzeiten aus Lehm und jeder Menge Sand – nicht gerade der Traum-Grundstock eines tonnenschweren Gebäudes. 2001 hatte man den Turm aufwändig stabilisiert und das Fundament auf 5 Meter erhöht. Somit wurde der Turm, nach zehn Jahren Sperrung, wieder für Publikum freigegeben.

Pisa

Wie mir der schiefe Turm von Pisa mal wieder klar vor Augen führt, machen die Italiener aus ihren Fehlern an Bauwerk und Konstruktion, und eigentlich an allem, wie unsere Erfahrungen der letzten Monate zeigt, ein Touristen-Spot. Alles was primitiv und undurchdacht gebaut wird, wird durch ihre Redegewandtheit- und Vertuschungsbereitschaft- und ja, vielleicht auch durch den Einfluss des mafiösen Blutes der Vergangenheit, dass in ihren Adern läuft, mit großem Tamtam zu etwas ganz großen. Mal wieder typisch grün-weiß-rot.

Domplatz Pisa

Auch am nächsten Tag schlendere ich noch ein letztes Mal auf dem Domplatz entlang, beobachte die vielen Menschen, und das schwer bewaffnete Militär vor den Eingangstoren des Turmes. Ich blicke auf zu den verschnörkelten- und detaillierten Türmen- und Kuppeln der Gebäude rings um den Platz und zerfließe in der vergangenen Zeit. An einer Ecke des Doms entdecke ich einen fast unscheinbaren Esel in den Stein geformt, der mich in seiner unerwarteten Erscheinung zum Lächeln bringt. Sicherlich ist dieser Esel oberhalb des Doms noch keinem Menschen aufgefallen ☺️☺️

Der Esel und der schiefe Turm
Battistero di San Giovanni
Schwer bewachter schiefer Turm

Wie unsere Reise weiter geht- und was Cinque Terre, an der Westküste, für uns bereit hält, erfahrt ihr im nächsten Beitrag.

Bis bald,

Eure Kati 😊😊

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