Von Vitorchiano -der Stadt im Fels- an den Lago di Vico

am

Eine tiefe Schlucht zwischen Freude und Ärger.

Vitorchiano, das Städtchen im Fels

Nach fünfzig Kilometern erreichen wir unser Ziel. Vitorchiano, ein Stadt mit etwa 5200 Einwohnern. Es wird dunkel und die Dämmerung bricht herein. Wir stellen uns auf einen ausgezeichneten Wohnmobilstellplatz, schließen uns an den Strom an, tanken Frischwasser und kochen eine große Portion Hühnchen mit Reis, bevor wir uns in unsere kuscheligen Betten verkriechen. Der fast volle Mond taucht die kleine Stadt, deren Häuserfront wir vom Wohnmobil aus sehen können, in ein mystisches Licht.

Abendstimmung in Vitorchiano

Die Brötchen, die Tommy am folgenden Morgen beim Bäcker im Dorf kauft sind anders als jene, die wir noch weiter südlich erhielten. Beim Aufschneiden bemerken wir, dass sie ein großes Loch haben, dass man auf der äußeren Oberfläche als kleine Ausbeulung erkennt. Zuerst sind wir noch von unserem deutschen Perfektionismus eingenommen, doch beim zweiten Brötchen erkennen wir, dass das Loch im Inneren einfach dazu gehört – wie für eine extra Portion Nutella gemacht 😊

Panini

Nach dem Frühstück erkunde ich das Städtchen, laufe von der Hügelseite hinunter über eine Brücke, die im Moment nur einspurig befahren werden darf, und begebe mich in ein Meer aus hübschen verwinkelten Durchgängen und alten rustikalen Häusern, die direkt in den Berg gebaut sind. Ein steinerner Durchgang führt mich von einem freundlich-einladenden Vorplatz an das Ende des Berges. Ich bin sprachlos, zu riesig und hoch wirken die Häuserfronten, die vor langer Zeit hineingebaut hatte. An einer kleinen Wäscheleine vor einem Haus hängt ein Handtuch mit Snoopy darauf – ich muss lächeln.

Vitorchiano von der Brücke aus

Ein Zickzack aus einem Weg bringt mich an das untere Stück des Berges in einen kleinen Wald und zieht mich erneut in seinen Bann. Lange Regenrinnen hängen an den grauen Wänden und scheinen endlos zu sein. Schade, dass der Geruch nach abgestandenem Wasser und Weichspüler die Düfte der Natur übertünchen. Ich spaziere weiter durch den Wald, überspringe ein Bächlein, und erreiche eine Lichtung. Verschiedene Moos bewachsene Steinfiguren sind über dem gesamten Platz verteilt. Ich betrachte sie nacheinander und entdecke darunter eine füllige Frau und einige undefinierbare Skulpturen. Der Morgentau glitzert in der Sonne. Am Rande sehe ich den ausgetretenen und weiterführenden Weg, auf den ich mich nun begebe. Mir sticht ein Schild ins Auge, welches mich auf italienisch vor Wildschweinen oder der Wildschweinjagd warnt – oder was auch immer, ich verstehe es nicht. Nach fünf weiteren Schildern, die wahllos in Busch und Bäumen versteckt sind, wird mir zunehmend mulmiger, schon seit längerer Zeit bin ich niemandem mehr begegnet und alles um mich herum wirkt ausgestorben. Ich höre Geräusche, die ich nicht zuordnen kann, sich aber nicht nach Wildschweinen anhören, finde aber zunehmend mehr Spuren dieser grunzenden Tiere. Mir wird noch unwohler, der Handyempfang ist schlecht und die schaurige Atmosphäre zwischen all den schlammigen Löchern lädt nicht gerade zum Verweilen ein. Ich möchte wirklich nicht in die Schussbahn zwischen Wildsau und Jäger geraten. Ich wechsle die Richtung und laufe nach Hause, schließlich weiß man in Italien nie. Und als zähes Steak oder eine endlose grobe Salsiccia möchte ich nun wirklich nicht auf dem Mittagstisch eines halbblinden Italieners landen.

Vitorchiano

Zurück bei Tommy und Sunny fühle mich mir wieder um einiges wohler. Ich schieße Fotos von der Häuserfront im Berg, die man aus unserer Perspektive gut einfangen kann. Die Sonne strahle die Häuser an und verleiht ihr das gewisse Etwas. Der Himmel ist dunkelblau, ein paar Wölkchen liegen dazwischen gebettet und die grüne Farbe der Bäume macht den Schnappschuss perfekt. Laut dringt das Bimmeln der Glocken im entfernten Turm zu uns hinüber – es ist Mittag und mein Magen beginnt zu knurren. Es gibt jede Menge Würstchen mit Senf und Maultaschensuppe. Ein Stückchen deutsche Heimat in Italien.

Moai Statue Vitorchiano

Am nächsten Morgen fahren wir an den Lago di Vico, einen Vulkansee, mit angeblich schönen Wanderwegen und einer Tiefe von etwa 48 Metern. Wir stellen unser Wohnmobil ab, ich schaue mir die Karte auf einer Tafel an und verabschiede mich von Tommy. Für 17 Kilometer auf gerader Strecke sollte ich nicht all zu lange brauchen. Die ersten sieben Kilometer laufe ich auf einem geteerten Weg im Sonnenschein. Haselnusssträucher wohin das Auge reicht. Nur leider bleibt mir die Aussicht auf den See durch die weitläufigen Haselnuss-Plantagen, die sich auf dieser Seite des Sees erstrecken, weitestgehend verborgen.

Haselnusssträucher

Dann komme ich plötzlich an eine gut befahrene Straßenkreuzung, der Verkehr ist laut und dröhnt in meinen Ohren. Ich eile an der Straße entlang und biege ums Ecke. Puuh, geschafft. Hier ist es etwas ruhiger, doch ein Wanderweg ist nicht zu sehen. Ich vermute den Beginn- und Wiedereinstieg in einiger Entfernung. Die Karte hatte mir ja so etwas bereits vorausgesagt. Nach weiteren langen Minuten auf der Fahrbahn, mit unzähligen Autos, ungemütlicher Stimmung und kühlem wandern im Schatten, überlege ich, ob ich nicht doch noch umkehren sollte. Allerdings ist die Zeit, die ich nun hinter mir habe, sicher nicht kürzer als die, die ich noch vor mir habe. Ich laufe weiter. Reifen quietschen und schlittern über die im Dunkeln liegende Fahrbahn. Mir ist sichtlich unwohl, an dieser Stelle scheint keine Sonne durchzukommen. Es ist kühl und kann meiner Erfahrung nach, die Feuchte der Straße schnell anziehen lassen. Einen Fahrer mit wildem- und unbekümmerten italienischen Stil ist also nicht zu unterschätzen. Mir fällt jedes Mal ein Stein vom Herzen, wenn ich unversehrt überholt werde. Ich rede mir ein, dass ich nun schon fast am Ziel bin. Der Blick aufs Handy verrät mir leider etwas entmutigenderes. Der schmutzige Abschnitt zwischen dem Ende der Fahrbahn und Zaun, hinter dem Ferienwohnungen, Häuser und Landwirtschaft liegen, ist mein nun ständiger unliebsamer Begleiter. Direkt auf der Straße zu laufen traue ich mich hier nicht, auch wenn es vielleicht etwas leichter zu gehen wäre. Ich ärgere mich mal wieder über mich selbst und frage mich, wieso ich nicht auf meinen ersten Eindruck und meine Intuition verlies. Mittlerweile bin ich schon so weit, dass ich nicht mehr umdrehen kann.

Lago di Vico

Ich entdecke auf googlemaps einen kleinen Weg, der mich ans schilfüberwucherte Ufer bringen sollte und anschließend weiter am See entlang. Es hätte beinahe geklappt, wäre da nicht die durchweichte schlammig-sumpfige Erde, die sehr stark nach Wildschwein aussieht. Davon lasse ich mich zuerst nicht beeindrucken, schließlich geht mir das ganze hier schon seit vielen Kilometern auf den Geist, doch je näher ich ans undurchdringliche Ufer komme, umso gespitzter sind meine Ohren. Ich kann es nicht fassen, laut grunzt und quickt eine scheinbar große Herde Wildschweine in ihrem Versteck. Mir schnürt es die Brust zu. Dennoch bin ich dankbar, dass mich noch keine Sau entdeckt hat und sprinte schnellstmöglich durch Dreck und Wasserlöcher zurück auf die Straße. Mir reicht es, ich bin stocksauer und wütend auf mich selbst. Die Zeit drängt so langsam, der Wald wird in ein düsteres Kleid aus Kälte gehüllt und sagt den Beginn der Dämmerung voraus.

Lago di Vico

Noch immer habe ich ein paar Probleme mit meinem rechten Sprunggelenk, darauf könnte ich im Augenblick wirklich verzichten, denn mit Stechendem Schmerz über die Teerstraße zu joggen, um dem See endlich zu entgehen, ist nicht gerade aufbauend. Trotzdem renne ich die letzten Kilometer voller Wut und Ärger zurück. Mein rechter Fuß pocht. Ich jogge weiter. Nach einer Weile erkenne ich das Parkplatzschild, dass wir schon am Mittag mit dem Wohnmobil gesehen haben. Nur noch zwei Kilometer, dann hab ich die Prozedur endlich hinter mir.

Parkplatz am Lago di Vico

Ich nehme eine kleine Abkürzung, um einer kilometerlangen Abzweigung zu entgehen und blicke plötzlich in die Augen eines großen weißen Hundes. Ich habe keine Energie mehr, habe die die Schnauze voll vom umher irren und laufe direkt auf ihn zu. Mein Gefühl sagt mir, er sei gut gestimmt und so war es auch. Ein weiterer Hund taucht hinter ihm auf, dann entdecke ich neben einer Schafherde ein Mann. Kurz darauf entdeckt er mich und pfeift seine beiden Hunde zurück. Prima, ist doch alles nochmal gut gegangen 😊 Die letzten Schritte laufe ich gemütlich über die Wiese und sehe das Wohnmobil. Ich bin so froh, Tommy und Sunny wieder zu sehen. Zuerst hole ich mir meinen wohlverdienten Kuss ab, dann gibt es Essen.

Lago di Vico

Wie es weiter geht- und was wir in Civita di Bagnoregio -der sterbenden Stadt- erleben, erfahrt ihr im nächsten Beitrag 😊

Bis bald,

Eure Kati 😊

Civita di Bagnoregio

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s