Schau nur zurück, um zu sehen, wie weit du gekommen bist.

Juhuu ☺️ es ist 12.11 Uhr und es hat immerhin schon ein Grad. Ein einziges Grad. Wir fahren mit unserem Wohnmobil über eine nasse Straße in die Berge, wo es kurz darauf auch schon wieder anfängt zu schneien. Die Gebirgsgipfel sind wie in Watte getaucht und mit einer dünnen Schicht Puderzucker besiebt. Von der Bergspitze rinnt der flüssige Zuckerguss. Die Straßenseiten sind von vielen weißen Häufen aus hartem kalten Schnee umgeben.

Süße buntbemalte Fahrräder markieren abwärts einen Fahrradweg ins darauf folgende Tal. Diese leuchtenden Farbkleckse erfreuen uns in fast jeder Kurve, auf der Strecke ins Dorf. An jedem Fahrrad ist eine durchsichtige Glasflasche am Rahmen befestigt. Schnaps? ☺️ Bei diesen unmenschlichen Temperaturen ist es doch kein Wunder, sich wenigstens von Innen ein bisschen einzuheizen. Doch die Abstände zwischen den verschiedenen Fläschchen erscheinen mir dann doch etwas zu kurz, dass sehe ich jetzt ein. Und wer hier bergauf nicht von alleine ins Schwitzen kommt, dem kann vermutlich auch kein Wanderschnaps mehr weiter helfen. Außerdem sind wir hier in Norwegen, da hängt eine volle Pulle Alkohol nicht einfach irgendwo herum. Nein, niemals ☺️ Dieses Rätsel wird wahrscheinlich nie (von uns) gelöst werden 😊 Schade.

Gestern sind wir mit vereinzelten, aber sehr raren Sonnenstrahlen im Rücken, zusammen mit unserem Wohnmobil auf der Fähre von Hellesylt nach Geiranger übergesetzt. Trotz des, in den Gipfeln hängenden Nebels ist die Szenerie mehr als perfekt. Was für ein hübscher und geheimnisvoller Ort.

Während uns der Regen zeitweise kühl ins Gesicht peitscht, entdecken wir viele kleine-, aber auch gut gefüllte rauschende Wasserfälle, wie die „Seven Sisters„, die Sieben Schwestern, die sich laut schnatternd den Weg ins Meer suchen ☺️

Türkisgrünes Wasser prallt während der Überfahrt, geräuschvoll vom Bug des Schiffes. Eine Möwe flattert mit der unbändigen Kraft des Windes durch die Lüfte und lässt sich auf der Spitze eines Fahnenmastes nieder, an dem eine Norwegen-Flagge angebracht ist.

Wenn ich, vom Meer angefangen, über die grünbewachsenen Berge, bis hoch zum Himmel schaue, kommt mir alles so unendlich winzig vor. Da spielt einem das eigene Auge einen großen Streich. Denn findet man einen Anhaltspunkt, in meinem Fall ein paar Häuschen oder ein größeres Schiff mit vielen Menschen, dann bemerkt man erst wie gigantisch diese Felsformationen eigentlich sind.

Mein „Rechner“ kann diese großen Mengen an Daten nicht verarbeiten ☺️ Der eigene Geist, der sich angeblich (☺️) hinter meinem Gesicht verbirgt, kriegt diese Situation einfach nicht auf die Reihe. Erstaunlich 😊 Zu wenig Erfahrungen hatte ich bisher mit diesen Dimensionen 😄

Mit geöffnetem Mund stehen wir am Rand des Schiffes und durchqueren den Geirangerfjord. Aus den mystischen Felsen blickt uns eine böse Fratze entgegen. Unheimlich ☺️

Die Trolle treiben wohl auch hier ihr Unwesen. Neugierig warten wir ab, bis wir endlich einen norwegischen Troll, mit großer Knubbelnase und wilden störischen Haaren zu Gesicht bekommen. Nach etwa einer Stunde und 140 Euro weniger in der Tasche, verlassen wir gut gelaunt die Fähre. Ein tolles Ereignis. Es ist auf alle Fälle ein Abstecher wert 😊 Bei Sonnenschein ist es aber bestimmt noch hundertmal schöner 😊

Während wir das UNESCO-Weltnaturerbe, den Geirangerfjord, wieder verlassen, leitet uns unser besonderes Navigationssystem in die entgegengesetzte Richtung. An einem Aussichtspunkt, oberhalb des Fjords in den Bergen, bemerken wir dann die eigensinnige Planung des Navis. Halb so schlimm. Ohne sie hätten wir diesen wunderschönen Ausblick ins Tal und auf den Fjord, nicht genießen-, geschweige denn überhaupt zu Gesicht bekommen.

Ein überdimensionales Kreuzfahrtschiff steht unwirklich im Geiranger Hafen und wartet geduldig auf Anweisungen des Kapitäns. Wie eine große Yacht in einem klitzekleinen See 😄 Das Panorama erscheint wie gemalt. Als käme im nächsten Augenblick eine riesige Geisterhand vom Himmel, die das Schiff, mit dem Griff am Deck, durch das blaue Wasser nach draußen ins offene Meer schiebt. Und wir, die Menschen, sind plötzlich selbst die noch kleineren Spielfiguren im lebendigen Lego-Baukasten.

Danach klettere ich einwenig über dem Geirangerfjord durch einen Wald und schieße einige Fotos von dieser atemberaubenden Gegend. Mich lockt eine kleine lichte Stelle, nach vorne zum steinernen Abgrund. Im Hintergrund leuchtet das grüne Wasser des Fjords. Viele Meter vor der ewigen- und unendlichen Tiefe, bekomme ich allerdings wieder dieses komische Gefühl in Brust und Beinen. Hab ich mir jetzt wirklich ein bisschen Höhenangst eingefangen? Das gibts doch nicht! Aber vielleicht kuriert sich das ja auch wieder von alleine aus ☺️ Und ich bin natürlich selbst dran schuld, was musste ich auch auf den Kjeragbolten steigen 😄 Naja, mal abwarten, was sich daraus noch so entwickelt, denn so leicht gebe ich mich nicht geschlagen. Doch das Foto sitzt trotz allem perfekt 😊

Zurück bei meinen zwei Lieben, überkommt uns schlagartig ein unnachgiebiger Schlechte-Laune-Hunger. Der Versuch diesen zu ignorieren und einfach weiterzufahren, scheitert überaus kläglich. Deshalb halten wir in Valldal auf einem Parkplatz, um unseren Bärenhunger zu stillen. Zufälligerweise gibt es hier allerlei zu entdecken. Die Gudbrandsjuvet, ein norwegischer Canyon.

Tommy brutzelt Fleisch für unsere Burger, während ich, auf einem schweren und langen Eisensteg, den weiß-, türkisen Wassermassen hinterher blicke, die mit lautem Getöse in einer tiefen Schlucht verschwinden. Faszinierend! Wo kommt nur immer all das Wasser her? 😄 Der Canyon ist 5 Meter breit und in etwa 20 Meter tief. Der Valldola, ein Fluss, formte mit seinen nicht enden wollenden und strömenden Wassermassen, diese beeindruckenden Felsformationen.

Das ist Badewanne volllaufen lassen im Schnelldurchlauf 😄 Nur ohne das warme Wasser. Brrr.. 😊

Da hat der ständige Hunger auch durchaus seine Vorteile, wie man jetzt mal wieder merkt. So ein schöner Zufall, dass er uns zu dieser einzigartigen Kulisse gebracht hat.

Einer Sage zufolge, rettete sich ein Mann namens Gudbrand im 16. Jahrhundert über diese Schlucht (der Gudbrandsjuvet), vor seinen Verfolgern, die er an der engsten Stelle übersprang und somit geschickt abhängte. Weshalb? Er hat sich einfach eine Braut geschnappt und sie kurzer Hand mitgenommen ☺️ Danach wurde er für vogelfrei erklärt und lebte anscheinend für viele Jahre in einer Hütte in den Tälern. Was mit der heißen Schnecke war, dass weiß allerdings keiner 😄

Der Burger ist fertig und saulecker 😄 Genau genommen Cheeseburger mit doppelt Fleisch, schwedischer Remoulade, Ketchup, Salat und vielen Zwiebeln.

Die Reise geht weiter und die Fahrbahn wird immer steiler. Hoch oben in den Bergen blicken wir auf eine karge und schroffe Landschaft. Es wird kälter und mit jedem Meter, den wir an Höhe zunehmen, fällt mehr Schnee. Weiße Flöckchen klatschen auf die Windschutzscheibe und gemeinsam mit ihnen, erreichen wir den Besucherparkplatz an den Trollstigen in Innfjorden.

Ich freue mich schon tierisch darauf, diese Sensation entdecken zu dürfen.

Schnell die passende Kleidung zusammen suchen und raus aus dem Wohnmobil, in die Kälte. Mittlerweile bin ich, in meine Winterjacke gekuschelt, zur abgesicherten Aussichtsmöglichkeit am Rand der Felsen gelaufen. Diesen Weg erreicht man, wenn man zwischen den Souvenir-Shops hindurch spaziert und der weiteren Beschilderung folgt. Ich erkenne die Trollstigen schon von weitem.

Wie cool ist das denn? ☺️ Ich kann es nicht fassen. Die Straße, also die Troll-Leiter, ist ein irrer Weg mit elf Haarnadelkurven und zwölf Prozent Steigung. Ein Schleier aus Nebel legt sich um den verrückten Straßenverlauf dieser beeindruckenden Passstraße. Ein gigantischer Wasserfall, der Stigfossen, rauscht links an mir vorüber. Blaues Blut, wo man hinsieht. Die drei umliegenden Berge werden, „Kongen“, „Dronninga“ und „Bispen“ genannt (König, Königin und Bischoff) und messen alle zwischen 1.400-1.700 Metern. Diese besondere Strecke ist nur von Mitte/Ende Mai bis September geöffnet- und befahrbar. In der übrigen Zeit herrscht wildes Schneechaos, weshalb der Pass gesperrt ist. Im Jahr 2005 wurden Teile der geschlängelten Straße, nach einem Felsabbruch erneuert und einige gefährliche Kurven entschärft. Jährlich besuchen 600.000 Menschen dieses 12,2 Kilometer lange Touristenziel, der Gemeinde Rauma. Der höchste Punkt liegt auf 852 Metern. Ich kann nicht anders, als nach meinen geschossenen Pflichtfotos, die schmale Steintreppe in den Himmel hinauf zu steigen. Irgendwie muss ich doch dieses Höhengefühl wieder losbekommen.

Der beste Weg ist und bleibt die Konfrontation. Als ich mir den steinigen Weg auf den Berg ebne, es schneit schon wieder, fällt meine Aufmerksamkeit auf die mickrig wirkende Miss Liberty, die gemeinsam mit Tommy und Sunny im Warmen, auf mich warten. Jetzt aber flott zurück, sonst lassen mich die beiden doch noch im Schnee zurück (und buchen sonst wo eine andere Spülfrau😄) Ohne Probleme hüpfe ich die feuchten Stufen herunter und jogge, mit Wintermütze auf dem Kopf, weiter zu meinen Herzallerliebsten ☺️☺️

Die Trollstigen wurde 1936 unter König Haakon VII eröffnet und ist die einzige Verbindung zum dahinter liegenden Bergmassiv. Angeblich baute man acht volle Jahre an diesem Kunstwerk. Bis dahin konnte man den Ort Valldal nur über das Wasser, also über den Sorfjord, erreichen. Ein wahrer Segen für die einsamen Bauern, die mit Vieh handelten und denen sich nun ungeahnte Wege der Kommunikation und des Vertriebes eröffneten.

Es ist ein tolles Erlebnis, über die Troll-Straße zu fahren. Tommy schickt mich in immer kürzer werdenden Abständen nach draußen in den kalten Schneeregen, um die Trollstigen fotografieren zu lassen. Es macht wahnsinnig Spaß ☺️ Begeistert schaue ich über das Land. Eine endlose Schönheit. Ich bleibe mit den Augen an einer ewig langen Steintreppe, die mit einem Holz-Wegweiser ausgeschildert ist und direkt ins Tal führt, hängen, als ich erneut im Kalten Fotos knipse. Es geht sehr steil ins Tal. Bevor ich überhaupt auf den Gedanken kommen kann (darauf kam ich dennoch sehr schnell..), herunter zu klettern, schickt mich Tommy schon wieder weiter. Schade 😄

Etwa in der Hälfte der Strecke überqueren wir eine hübsch gemauerte Steinbrücke, unter der der Stigfossen hindurch brettert. Laut und pompös ☺️ Dem macht keiner so schnell etwas vor. Noch nie habe ich so eine spektakuläre und wunderschöne Straßenführung gesehen.

Zur eigenen Sicherheit sollte man angeblich, bevor man sich an die Abfahrt traut, auf den schroffen Felsen, einen Turm aus gestapelten Steinen aufstellen. Diese Kunstwerke besänftigen die Bergtrolle und zum Dank darf man den Pass wohlbehalten und ohne fiese Steinwürfe auf dem Autodach, über die endlosen Kurven ins Tal, passieren. Ich habe diesen Teil leider total verpennt und deshalb auch nicht befolgen können. Wir haben die Troll-Regeln missachtet und unwissend gegen diese verstoßen. Hiermit entschuldige ich mich von ganzem Herzen und im Namen aller Insassen unseres Wohnmobils, bei den Trollen. Es tut mir unendlich leid 😄 Ehrlich.. Bitte seit gnädig mit uns 😊

Die Nacht, die hier nicht ganz so dunkel und lang ist, wie eine gewöhnliche europäische Nacht, verbringen wir kostenlos im Trollstigen Resort. Am Lagerfeuer sitzend erzählen wir mit zwei deutschstämmigen Reisenden, die bereits vor Tagen mit ihren Motorrädern am Nordkap waren und schon wieder auf dem Nachhauseweg sind.

Beim nachträglichen reagieren stelle ich bedauerlicherweise fest, dass wir die Troll Wall verpasst haben. Wäre mir das nur ein bisschen früher aufgefallen. Schade. Die Gebirgswand liegt, wie ich mir auf der Karte anschaue, nur wenige Kilometer von den Trollstigen entfernt und ist, in Verbindung mit einer schönen Wanderung, gut zu erreichen. Die Troll Wall oder auch Trollveggen, ist Europas höchste Steilwand und ragt 1.700 Meter über das Tal. Bis 1965 galte die Felswand als unbezwingbar.

Ein flacher Karton mit einer Pizza drin, liegt direkt vor meiner Nase. Die erste Pizza seit langem. Unsere erste Pizza überhaupt in Norwegen. So jetzt muss ich mich wirklich an die Arbeit machen.. ☺️

Bis bald,

Eure Kati 😊😊

Ps: Die Pizza war echt gut, aber an unsere Lieblingspizza aus Kochersteinsfeld kommt sie trotzdem nicht dran, nie im Leben! 😄

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Wieder einmal ein wunderbares Lesevergnügen! Danke!
    Und Deine tollen Fotos erinnern mich sehr an Avalon.

    Liebe Grüße, Werner 🙂

    Gefällt 1 Person

  2. Kati sagt:

    Vielen Dank, freut mich zu hören 😊😊
    Da hast du recht 😊 Liebe Grüße zurück 😊

    Gefällt 1 Person

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