Take the long way home.

Wir räumen unseren Hausrat zusammen, verstauen unsere Habseligkeiten, duschen nochmal ausgiebig und saugen die wohlige Wärme tief in uns auf. Was würde ich nur ohne meine geliebte Sonne machen?

Sunny wandert mit mir zusammen am oberen Teil der Klippen, sie sind wirklich gigantisch und so unvorstellbar groß und hoch. Alles ist grün, die Blumen blühen und verströmen ihren wunderbaren feinen und süßlichen Duft. Es ist herrlich schön hier. Das vor sich hin murmelnde Meer erzählt uns Geschichten vergangener Tage und verströmt eine berauschenden Leichtigkeit. Mal leuchtet es dunkelblau, mal hellblau oder karibisch türkis, je nach dem wie die Sonne gerade steht. Ich bin beinahe wunschlos glücklich. Beinahe. Mir liegt da im Moment leider etwas schwerer im Magen (was aber nicht heißen soll, dass ich keine fish n chips verdrücken könnte… oh..wo wir uns schon mal darüber unterhalten, fish and chips…hach..hmm..). Ich verdränge den immer wieder kehrenden scheusslichen Gedanke der Rückreise. Doch sie kommt ungewollt näher und diese Nähe möchte ich nicht. Ich bin da einfach nicht bereit dazu! Jetzt werde ich aber schnell diese melancholische Stimmung wegpusten.

Auf der wild und hochgewachsenen Wiese bekomme ich unheimlich viele Fliegetiere ins Auge. Ich weiß ja, dass ich schöne Augen habe, aber das geht mir doch etwas zu weit 🙂 Nun laufe ich mit verschwommenen Blick und tränenden Augen halbblind weiter. Bald haben wir diesen Teil unseres Spaziergangs gemeistert und steigen auf der anderen Seite wieder ab, um am Strand weiter zu gehen. Wir laufen über mittelgroße, vom Meerwasser abgerundete Kieselsteine, bis wir auf ein kleines, aber strömendes Bächlein stoßen. Die gegenüberliegende Strandseite lädt uns dazu ein, uns in die „Fluten“ zu stürzen. Schuhe aus, Socken aus und los gehts. Ich binde meine Schuhe mit den Bändeln vorne an meinen Rucksack, den ich auf dem Rücken trage. Sunny hüpft in das kalte Wasser, erschrickt und versucht ganz schnell wieder zurück zu springen. Ich komme dem kleinen Angsthase zur Hilfe. Gemeinsam planschen wir hinüber an den verlassenen Strand. Die pure Einsamkeit. Wir sind tatsächlich die Einzigen. Juhu, die Welt gehört uns 🙂 Sunny springt ausgelassen ins Meer. Stunden vergehen und es wird Zeit für Sunnys Dinner. Es ist zwar kein Candle-Light-Dinner, aber welcher Hund bekommt schon sein Futter am Strand serviert? Mit Meerblick. Sunnys freche Aussage dazu? „Gibt es schon wieder das Gleiche?“ Vermutlich hätten seidenweiße Tischdecke, brennende Kerzen und ein Napf, besetzt mit Strass auch nichts an ihrer undankbaren Meinung geändert.. Beim Auspacken finde ich mein fast vergessenes Feierabendbier im Rucksack. Ich bin begeistert! Ich freue mich total darüber. Ich setze mich auf einen Felsen, öffne die (kalte) Dose Bier, blicke aufs Meer und lausche dem wundervollen rauschen des Meeres. Sonnenstrahlen glitzern im Wasser. Dieser Aufwand ganz für uns alleine? Ich fühle mich geehrt. Es ist ein Traum!

Ich gehe Barfuß am Strand entlang, den Rückweg nach West Bay eingeschlagen. Dieses Mal laufen wir durchs Meer. Das Wasser ist kalt. Nach einigen Schritten werden meine Füße zu Eiszapfen, dass Fortbewegen fällt sehr schwer, doch auch diesen Abschnitt haben wir überlebt 🙂 Ich lege mich in den von der Sonne gewärmten Sand, lasse den feinen Sand durch meine Hände rieseln und konzentriere mich nur auf meinen Atem und die leisen Geräusche, die der anbrechenden Abend mit sich bringt. Ich bin im Ruhemodus, ganz bei mir. Die orange-roten wohlig warmen Sonnenstrahlen legen sich auf meine Haut.

Auf einmal lässt es einen lauten Schlag. Ich schrecke hoch. Mein Herz klopft wie wild in meiner Brust. Ich schnaufe schwer. Bis ich realisiert habe, was hier vor sich geht, ist der Fallschirmspringer auch schon vor unserer Nase heil am Boden gelandet. Diese Aktion wiederholt sich noch ein weiteres Mal und ich erleide beinahe zum zweiten Mal einen Herzinfarkt.

„Zuhause“ angekommen, säuft Sunny als hätte sie Wochen nichts getrunken. Nachts dürfen wir´s dann büßen. Sie quengelt furchtbar, bis wir bemerken, dass ihre Blase keinen weiteren Tropfen mehr fassen möchte.

Sunny kommt aus ihrem Nest gekrochen, schaut ob wir alle brav am Schlafen sind, schnuppert und stupst mich am Fuß. Beruhigt und mit lautem Seufzer kuschelt sie sich daraufhin zurück in ihr Bettchen.

Während der Autofahrt lese ich einige englische Artikel in den „bridport-times„, ein kleines, nettes Magazin über regionale Unternehmen. Wirklich interessant. Es fängt an zu regnen, aber wir müssen sowieso die Zeit im Wohnmobil aussitzen. Als weine der Himmel aus Mitgefühl, da unsere Reise nun bald ein Ende nimmt. Oh nein, nicht schon wieder dieses beklemmende Gefühl in der Brust. Ich mag nicht zurück ins deutsche Ausland. Ich fühle mich wie ein kleines weinerliches Kind, dass nichts daran rütteln kann, um den Lutscher doch noch zu bekommen. Nach einer gedankenversunkenen, stillen und langen Fahrt erreichen wir Dover. Miss Liberty (unser Wohnmobil) stellen wir auf einen Parkplatz, von dem wir den riesigen Hafen überblicken können. Sunny sollte sich vor dem anstehenden anstrengenden Übersetzen noch ein bisschen austoben. Ich spaziere mit ihr über die White Cliffs of Dover, es ist wundervoll. Ich bin sprachlos. Sprachlos, zu guter Letzt nochmal mit so einem wunderschönen Geschenk überrascht zu werden. Ich hätte mir nichts dergleichen erträumen können.

Wie meistens mit meinen Zeitrechnungen, verschätze ich mich maßlos und bin mit Sunny bestimmt zwei Stunden länger unterwegs als geplant. Über Stock und Stein, bis kurz vor dem freien Fall. Über die mit kleinen Blumen bewachsenen Wiesen. Von hügeligen Wiesen blicke ich auf eine weite prächtige Felswand, am Horizont das ein oder andere überdimensionale Schiff oder einen weißen geheimnisvollen Leuchtturm. Ich werde sie so vermissen, diese wellige saftige und bezaubernde Landschaft. Was für ein Tag!

Nachts soll es auf die Fähre gehen. Mir graut es davor. Ich bleibe die ganze Nacht wach, trinke Schwarztee mit einem kleinen Schluck Milch, wo mir heute eigentlich mehr nach einem kräftigen, großen Whiskey zumute ist, um keine verbleibende Sekunde in diesem Land zu verpassen. Gegen halb Zwölf kommt Tommy aus dem Bett gekrochen und gesellt sich zu mir. Ich würde alles dafür tun, um nicht nach Deutschland zurück zu müssen. Ich bin total niedergeschlagen. Gefühlschaos.

Kurz nach Ein Uhr werden wir zuerst von französischen, dann von britischen Beamten kontrolliert. Bei den Briten gibt es Hundeknochen für Sunny! Süß 🙂 ein Grund mehr, hier zu bleiben!

Auf dieser Reise wird Sunny von keiner einzigen Zecke gebissen. Kaum sind wir wieder im „Ausland“ 😉 schon fallen diese über Sunny her. Direkt in den ersten Minuten während eines Waldspaziergangs auf deutschem Grund.

Richtig zuhause fühle ich mich hier gerade nicht mehr, ich bin eben ein Abenteurer und nur daheim, wo sich das „freie“ Leben abspielt. Es fällt mir zunehmend schwerer mich im busy Germany wohl zu fühlen und mich zurecht zu finden. Das ist nicht mehr meine Welt. Es ist so anstrengend. Alles dreht sich so unglaublich schnell und überfordert einen zurückkehrenden Menschen bis aufs Äußerste. Da müssen wir jetzt leider noch ein bisschen durch. Im Hinterkopf habe ich immer unsere große Freiheit.

Ich hoffe und freue mich sehr, wenn Dir meine Erzählungen über diese wunderbare Insel gefallen haben. Ich hoffe, ich konnte Dich auf eine Reise in meine Welt mit nehmen und Dich für einen kleinen Moment vom tristen Alltag befreien. Falls Du auch durstig geworden bist, tu es! Nur die schlimmen Nachwehen und den schrecklichen Liebeskummer, den Du für diese Insel verspüren wirst wenn du zurück kommst, kann ich Dir leider nicht ersparen.. 🙂 (ich leide immer noch..) Dieses kribbeln im Bauch während wir die Fotos ansehen, wird wohl so schnell nicht vergehen. Ein kleiner Gedanke daran und ich bin sofort wieder mittendrin.

Unsere Reise geht weiter..

Glück