Sei ein Reisender, kein Tourist. Probiere neue Dinge aus, treffe nette Leute, schaue über das hinaus, was vor dir liegt. Das ist der Schlüssel, um diese wundervolle Welt in der wir leben zu verstehen.

Wunderschöne rot-orange Backsteinhäuschen und große Wiesen umgeben mit dichtem Wald, begegnen uns während unserer Reise nach ‚Lyons Gate‚ mit dem gleichnamige Campingplatz.

Der Himmel hat sich verdunkelt, doch das ändert nichts im geringsten an der einzigartigen Anlage. Kleine Seen liegen liebevoll eingebettet zwischen teilweise hohem Schilf und Sträuchern vor uns am Ufer. Enten quaken und watscheln auf der Wiese auf und ab. Fünf hübsche paarungsbedürftige Erpel versuchen einer einzelnen Ente zu imponieren.  Schwer zu sagen, wer sich am Ende mit wem abgeben muss, da die Mimik und die Körperhaltung der Ente, im Moment noch eher darauf schließt, sich ganz schnell aus dem Staub zu machen. So viele Männer auf einem Haufen, da ergreift man am besten sofort die Flucht!

Bei einer gemütlichen Tasse Kaffee lauschen wir dem prasseln des Regens auf dem Dach unseres Häuschens. Es löst ein heimeliges wohl behütetes Gefühl in mir aus.

Der Wald ruft! Es fühlt sich unglaublich an. Eine tolle, reine und klare Stimmung strahlt dieser Ort aus. Ich bin erhaben von diesem schönen Spektakel. Ruhig und achtsam laufe ich über den braunen Waldboden. Der kühle angenehme Duft der Farne, Gräser und der Laub- und Nadelbäume steigt mir in die Nase. Ich komme mir vor wie in einem dicht bewachsenen kleinen englischen Dschungel. Eine riesige Freude erfasst mein Gemüt. Hier ist alles im Einklang. Man spürt es. Kleine Regentröpfchen perlen von den feuchten grünen Blättern der Bäume ab. Ein märchenhafter ganz schwacher Nebel legt sich auf den Wald. Wir entdecken eine leicht verwilderte Holzbank zwischen zwei Baumstämmen, die einlädt, diese wunderbare Umgebung zu beobachten. Verschiedene Blumen und Pflanzen springen mir vors Auge. Bunte Farben soweit ich sehen kann, reingewaschen vom Regen. Am Ende laufen wir noch an den zwei Seen vorbei, hier wird geangelt und gefischt. Kleine süße Entchen folgen ihrer Mutter auf Schritt und Tritt, bis sie gemeinsam ins Wasser eintauchen und davon schwimmen.

Sind wir mal für kurze Zeit nicht in Sichtweite der Küste und im Landesinneren zu Gange, schon bohrt sich eine unbändige Sehnsucht nach Meer, Klippen und der unendlichen Weite tief in mein Herz. Fürs erste soll uns der ‚Bagwell Farm Park‚ bei Chickerell ruhig stellen. Hier möchten wir eine unbeschwerte freie Zeit genießen. Von weitem sieht man das Meer, einige Kilometer entfernt hinter wucherndem Gebüsch und großen bewirtschaften Feldern.

Im Laufe des Tages kommen immer mehr Wohnwägen und Wohnmobile an, aber es stört uns nicht. Am Anfang der Reise, hätte ich mich bestimmt ein bisschen darüber aufgeregt oder sogar etwas geärgert, doch ich freue mich richtig auf ein paar neue Nachbarn um uns herum. Ich freue mich über die Sonnenstunden, den Auslauf mit Sunny, über die Freiheit und über meine eigene Veränderung und Weiterentwicklung. Hach, endlich erreiche ich das nächste Level.. 🙂 So, Schluss mit lustig, Wäsche waschen!

In der Nacht regnet es, doch gegen morgen ist davon nichts mehr zu sehen. Die Sonne scheint in voller Kraft und tankt unser Gemüt mit Fröhlichkeit und Freude auf. Mittags begleitet uns Tommy mit seinem Fahrrad (er hat leider Knieschmerzen beim Gehen) und Sunny bewegt sich wie eine junge Göttin. Auflaufend zur Höchstform und im Gleichschritt sprinten wir Tommy hinterher. Das ist wieder so typisch Sunny. Wäre ich mit ihr in diesem Tempo alleine unterwegs, hätte sie mir schon nach dem ersten Meter den Vogel gezeigt, würde sich nur all zu schnell auf die Seite werfen und sich keinen Zentimeter mehr von der Stelle bewegen. Sie ist so durchschaubar. Wir müssen uns oft genug für sie schämen. Und dieses Tier haben wir auch noch großgezogen! Nass geschwitzt lege ich mich auf die leicht feuchte, kühle Wiese vor Miss Liberty, atme die frische Luft und den unschlagbaren Duft des Grases ein.

Ohne Planung entdecken wir auf dieser Reise dauernd etwas Neues. Das ist so super! Es sind wirklich die Kleinigkeiten, die ein Leben lebenswert machen. Die Sonne scheint, ein kleines Lüftchen weht und alles ist prächtig.

Auch am nächsten Morgen durchqueren wir bei unserer Gassirunde den traumhaften noch etwas verschlafenen Wald. Eine wunderbare Stimmung, schlagartig werde ich ruhig und mir wird leicht ums Herz. Die Bäume und der Boden sind noch nass vom Regen. Die Blätter glänzen, ab und zu perlt ein durchsichtiger, die Umgebung spiegelnden Wassertropfen davon ab, satte Farben strahlen uns entgegen und bringen uns selbst zum Leuchten. Die wunderbare Natur, die Nähe zu ihr und die Nähe zu mir selbst fehlt ihn Deutschland einfach. Man hat einfach zu wenig Zeit dazu. Ich möchte bleiben, ich möchte jeden Moment auskosten, jede Sekunde leben und genau wahrnehmen was geschieht. Während ich so auf meiner Wolkensieben dahin schwebe, spüre ich langsam ein immer stärker werdendes grummeln in meinem Magen. Oh ja, wenn ich Hunger habe, kann ich zum bösartigsten Mensch mutieren 🙂 Tommy erwartet uns mit einem gerichteten Frühstückstisch. Toll! Das war wohl Rettung in letzter Sekunde. Womöglich hätten sie sonst wegen mir noch den Campingplatz räumen müssen. Brot, Butter, Nutella und Banane. Komisch, das Nutella ist schon wieder leer. Wo wir doch das Glas nie anrühren. Sehr rätselhaft. Langsam glaube ich, Sunny vergreift sich daran. Kein Wunder sind hier überall schmutzige Pfotenabdrücke und sie verschläft oft den halben Tag..

Sonnen, liegen, einfach mal nichts tun. Außer zwischendurch Kaffee trinken und Kekse essen. Sunny verweigert den Auslauf (..sie ist sauer wegen dem Nutella..) Und sie zeigt Bestnoten in der Kunst des Hinschmeißens und Nichtbewegens. Trotz allem ist sie sehr brav, als wir am Abend unseren walisischen Nachbarschaftsbesuch empfangen. Wir trinken, reden und lachen sehr viel. Mit zunehmendem Alkoholpegel klappt das dann auch immer besser mit der Verständigung. Es ist sehr lustig und ich werde noch lange an diesen Abend zurückdenken. An evening with chunky berrys and red moonshine. Ach ja, unsere neuen Namen: Rachel (oder auch Sarah) und George.

Der Morgen danach.

Ich bleibe noch im Bett liegen, doch das Licht, dass durch die Ritzen des Rollos dringt, kitzelt mich nun endgültig wach. Die Erinnerungen an den gestrigen Abend kommen schwerfällig zurück. Aus Angst vor den Auswirkungen der durchzechten Nacht, bewege ich mich nur ganz langsam. Doch anstelle der erwarteten Übelkeit und der betäubenden Kopfschmerzen, erfüllt mich eine unglaubliche Zufriedenheit und ein fast klarer Verstand (was auch ohne Alkohol selten der Fall ist 🙂 ). Ich kanns kaum glauben. Ich bin begeistert und freue mich wie eine Schneekönigin. Manno man, da habe ich gestern wirklich noch gute Arbeit geleistet. Der Vorhang an den vorderen Scheiben ist zugezogen, alles ist einigermaßen sauber auf- und zusammen geräumt. Belustigt über mich selbst, zu was ich gestern scheinbar noch alles im Stande war, gehe ich im warmen Sonnenschein spazieren. Sunny bewegt sich wie in Zeitlupe (hat sie gestern draufgemacht?) und legt sich nach einigen Metern komplett ab. Ein älteres Ehegespann läuft an uns vorbei. Sunny genießt deren Streicheleinheiten und ich bekomme sie nicht mehr von der Stelle. Bei einer so speziellen Rasse (wie ihr sicherlich schon bemerkt habt), braucht man spezielle Tricks auf Lager. Sunny rappelt sich auf als ich den Rückweg andeute. Falsch gedacht. Ich bin hier der Fuchs! Ich spaziere einfach an der Weggabelung weiter, die nach ‚Hause‘ führen sollte und der vermeintlich schlaue Hund tappt in meine Falle. Ich laufe einfach dran vorbei. Im Wald ist es sehr angenehm und kühl.

Sunny legt sich vors Wohnmobil, lässt sich den Wind durch das Fell wehen, so, als wolle sie ihren Rausch ausschlafen. Ich strecke mich und schlummere vor mich hin. Solange, bis eine T5 Autotüre zugezogen wird. Dieses Geräusch. Ich schrecke auf. Mein Puls schnellt in die Höhe. Fehlalarm! Ich beruhige mich langsam wieder und stelle fest, keine Post, kein gelbes Auto. Keine Arbeit. Gott sei dank..

Kater- oder Katzenfrühstück? Bei uns gibt es Orangensaft, Kaffee, Rührei (scrambled eggs) und warme knusprige Schokocroissants. Beim Orangensaft haben wir uns wohl in der Flasche vergriffen. Unbemerkt. Er ist widerlich. Richtig widerlich! Und das beschreibt den Geschmack nicht im geringsten. Pfui! Ich wasche und spüle meinen Mund aus, doch die Süße bleibt penetrant zurück. Der Orangensaft ist, wie ich später am Etikett nachlese, tatsächlich zusätzlich mit Süßstoff angereichert. Man muss wirklich auf alles achten. Welcher Perverse trinkt denn sowas? Engländer?

Die Nachbarn (haben von uns natürlich auch Namen bekommen, Klaus und Hilde) sind auch schon auf den Beinen. Ich drücke ‚Klaus‘ die zurück gelassene Sonnenbrille und das Weinglas von Hilde in die Hand. Dankbar setzt er sie auf. Sein Gesicht schreit heute wirklich stark nach einer Sonnenbrille. Damit tut er jedem umliegenden einen Gefallen. Es steht uns wohl allen vieren ins Gesicht geschrieben..

Den großen, zum Kühlschrank umfunktionierten Eimer, mit dem mittlerweile geschmolzenen Eis darin, stelle ich mit einem grinsen vor den Beiden auf den Boden. Wir müssen lachen. Ein paar Stunden zuvor, lagen da liebevoll auf Eis gebettete Flaschen mit Wein, Sekt und Bier. Und der „red moonshine“.

In jeder Hand trage ich eine Stofftasche prall gefüllt mit Altglas. Ich muss fürchterlich lachen, als ich diese mit einem lauten Krachen in die Recyclingtonne kippe.

Die Begegnungen und die Freundlichkeit behalte ich in schönster Erinnerung. Wir verabschieden uns von unserem liebgewonnenen „Wohnort“ der letzten Tage. Ich habe die Zeit in vollen Zügen genossen. Zum letzten Mal sehe ich den Haifisch am Fahnenmast unserer neugewonnenen Freude im Wind flattern. Bye bye, kleiner Hai.