Beginne zu leben. Es nützt nichts, der fleißigste Mensch auf dem Friedhof zu sein.

Die Anfänge von Wales beeindrucken uns im Moment leider noch nicht sonderlich. Nichts Interessantes mit Hund, kein blaues Meer und keinen Strand weit und breit. Kurzer Hand fahren wir mit zunehmend schlechterer Laune geschlagene vier Stunden quer durchs Land. Ein Plätzchen für Sunnys Auslauf bleibt uns vorerst verwehrt und ein schöner See zeigt sich bisher nur in unseren Gedanken. Durch Zufall kommen wir nach Caersws. Langsam wird es sonniger und die Stimmung hellt sich schlagartig auf. Grüne Wiesen um unseren Platz für die Nacht, Natur soweit das Auge reicht. Im Hintergrund sehe ich einen Berg mit viel Wald und einem Häuschen oben drauf.

Ich spaziere mit Sunny an einem Backsteinhaus, einem riesigen Stapel geschichteten Holzes und einigen bewirtschafteten Höfen vorbei in Richtung Wald. Die Sonne brennt und wir beenden nach kurzer Zeit unsere Gassirunde. Sunny legt sich sofort auf die kühlende Wiese und schnuffelt müde vor sich hin. Das Thermometer zeigt 26°C.

Heute ist ‚Tag der Arbeit‘, auch vor Ort ein Feiertag. Nur ich muss wieder richtig ran glotzen, denn Tommys Haarpracht gehört wirklich geschnitten. Erst 9-, dann 6mm, die Ohren frei schneiden, nach bessern und das gelungene Werk betrachten. Ich habe großen Spaß daran. Obwohl ich Tommys Unwohlsein bemerke, vollende ich meinen ersten Haarschnitt. Vermutlich bekäme ich für meine Künste sofort einen Festvertrag, einen 13. Monatslohn, Urlaubsgeld und wäre zur Mitarbeiterin des Monats erkoren worden, doch nur die Nachbarin gegenüber beobachtet uns. Sie sagt: „The next, please!“, lacht und ist dann erstaunlich schnell in ihrem Wohnwagen verschwunden. Wir bekommen sie den ganzen Abend nicht mehr zu Gesicht. Tommy bewundert gerade meine neue Begabung im Spiegel und ist wie ich deuten kann, ganz zufrieden damit. Ich bin beeindruckt. Ich sag ja, ich bin ein Naturtalent. Nur über den Preis sind wir uns noch nicht einig.

Schlafmaus

Als mich meine innere Unruhe zu einem Lauf drängt und ich sehe wie Sunny im Schatten schnarcht, renne ich kurz entschlossen alleine auf den Berg. Mir kommt ein Bauer mittleren Alters auf einem Quad entgegen. Beladen mit einem „schlafenden“ Schaf, dass hinter ihm über dem Sitz liegt (das Abendessen..). Ausgepowert erreiche ich das Haus auf dem Hügel und bewege mich nach einem kurzen Durchschnaufen in die entgegengesetzte Richtung zu unserem Zuhause zurück. Kaputt lege ich mich auf den Liegestuhl. Nach kurzer Zeit erfüllt mich diese wunderbare unvorstellbare Ruhe, die man immer fühlt, wenn man an seine Grenzen geht. Ich schließe meine Augen und lasse diesen schönen Moment auf mich wirken.

Am nächsten Morgen schieben sich zähe Wolken vor unsere geliebte Sonne. Für die kommenden Tage wird ein windiges und trübes Wetter vorhergesagt. Doch wir haben Urlaub, haben ein Dach über dem Kopf und sind stolze Besitzer wasserdichter Regenkleidung, also who cares? 🙂

Unsere Reise nach Schottland wird eingeläutet. Vor dem Start müssen wir noch ein paar Besorgungen bei „Morrison“ machen. Jedesmal wenn ich einen Markt betrete, bin ich masslos überfordert und erschlagen von der Vielfalt des Angebotes. Im Kühlregel warten duzende Sorten Butter und Margarine, darunter auch hergestellt mit einem Anteil Olivenöl darauf, gekauft zu werden. Ich entdecke hunderte unterschiedliche Fertigmenüs unendlicher Geschmacksrichtungen, alles was das Herz begehrt, es lässt keine Wünsche offen. Ohne einen Blick auf die alkoholischen Getränke des Supermarktes geworfen zu haben, kann ich den Laden nicht verlassen. Ich lege also zu den Naturalien zusätzlich drei Flaschen Shy Pig Wine auf das Band. Die sind einfach zu süß. Ich bin in meinem tiefsten Herzen eben immer noch ein kleines Kind geblieben. Eine Schwierigkeit bereitet uns leider das Campinggas. Im dritten Geschäft das wir durchstreifen, erhalten wir aber endlich den gesuchten Aufsatz für die britischen Gasflaschen. Die Mitarbeiter sind sehr freundlich und helfen uns wo sie können (in der Servicehochburg Deutschland, würde sich kaum einer so um uns bemühen). Das Problem ist, dass Normen und Größen weltweit leider nicht festgelegt sind, somit also von Land zu Land verschieden sind.

Es begegnen uns wunderschöne sanfte Hügel auf unserem Weg, die sich über das ganze Land ziehen und sogar die Autofahrt zu einem Erlebnis machen. Alles sieht so weich und kuschelig aus. Der Blaue Himmel, dahinter die Wiesen und die farbenfrohen kleinen Blümchen, fressende Schäfchen, es ist traumhaft schön. Immer wieder durchquert ein kleines Bächlein die Wiesen, die mit Holzzäunen, Hecken oder Steinmäuerchen (kleinste Steine säuberlich und kunstvoll zusammen gesetzt), abgegrenzt sind.

Kommen wir durch ein Dorf, so blitz uns ab und zu ein roter Briefkasten entgegen. Ich beobachte die Tiere auf der Weide, entspannt liegen sie faul am Boden und scheinen ihr lockeres Leben zu genießen. Das deutschstämmige Getier aus der Heimat drängt sich in meine Erinnerung. Total gestresst, wie eigentlich alle Zwei- und Vierbeiner dort. Alles und jeder funktioniert leider nur noch. Die ganze Sucht nach immer mehr, die überhandnehmenden Käufe und Onlinebestellungen und die daraus entstehende Bequemlichkeit, ist zum Glück weit entfernt und hier wirklich fehl am Platz. Das hiesige Leben, so wie ich es empfinde, konzentriert sich noch auf leben. Essen, trinken, Familie und Freunde, eben die Gemeinschaft. Der Gegensatz zur sich viel zu schnell drehenden Welt in Deutschland. Oft aus Langeweile oder weil man sich nicht mit sich selbst beschäftigen kann, viel zu viel arbeiten um mehr Geld zuverdienen, mehr zu besitzen, um besser dazustehen. Mehr Unwichtiges anhäufen und sich selbst damit versklaven..

Ich merke, ich möchte zurück zum Ursprung des einfachen Lebens.

Loch Ken

Mich erstaunt, dass wir kaum Verbotsschilder antreffen, die man zu beachten hat. Falls doch, sind es welche die meist einen tieferen Sinn haben. Oft werden wir auf Motorradfahrer hingewiesen, die sich zusätzlich auf der Fahrbahn befinden können. Das finde ich richtig gut.

Wir schauen an unseren Armen herunter und stellen fest, dass wir sehr braun geworden sind. Wir Mohrenköpfe im Land des weißen Cheddars.

Um 19 Uhr überqueren wir die Grenze ins Land der karierten Röcke und geben uns glücklich die Ghetto-Faust. Kleine Orte nehmen uns in Empfang. Alles erstrahlt in mystischem Glanz. Es nieselt, aber unsere Abenteuerlust ist geweckt. Jedes zweite Schild das wir passieren, berichtet von einer regionalen Destillerie. Wir fühlen uns augenblicklich wohl und freuen uns auf eine wunderbare Zeit. Wir entdecken leuchtende Ginsterbüsche, die bis an den Straßenrand ragen. Und bis wir bei Loch Ken, dem Platz für unser Haus am See landen, presst sich die Sonne doch noch durch den verhangenen Himmel. An der Rezeption lesen wir auf einem hinterlassenen Zettel, dass wir später zahlen dürfen, da diese im Moment nicht besetzt ist. Schön, dieses Vertrauen.

Zum Kochen ist uns an diesem Abend nicht mehr zumute, so entscheiden wir uns jeder für eine leckere Tüte Chips (Crisps) und einen Becher Ramazzotti mit Zitrone. Lecker!